
JEEWI LEE
Erinnerungen in einem Sandkorn
Die multidisziplinäre Künstlerin Jeewi Lee arbeitet mit Materialien, die Geschichte in sich tragen: Sand, traditionelle koreanische Bodenbeläge aus Papier und die oft übersehenen Spuren des Alltags. Sie lebt und arbeitet abwechselnd in Berlin und Seoul. Mit uns sprach sie über Spuren, das Gefühl, an zwei Orten zu Hause zu sein, und darüber, wie das Mutterwerden ihr Zeitempfinden verändert hat.
„Neben seiner ökologischen, wirtschaftlichen und politischen Bedeutung faszinieren mich die Geschichten und Spuren, die in jedem Sandkorn stecken. Jedes Korn trägt eine lange Geschichte in sich: Es war einmal Teil eines Felsens, wurde durch Erosion abgetragen, vom Wasser mitgenommen und über Millionen von Jahren geformt. Es ist ein kleines Archiv von Zeit und Bewegung. Sand kennt keine festen Grenzen. Er ist ständig zwischen Orten unterwegs. Dieses Nomadische spricht mich an. Unter dem Mikroskop offenbart jedes Korn seine eigene Welt aus Mineralien, Muscheln und Fragmenten. Es berührt mich, wie viel Geschichte in etwas steckt, das so unscheinbar wirkt.“
„In meiner Arbeit geht es um die Spur: um Vergangenheit, Anwesenheit und Abwesenheit. Für mich ist eine Spur ein Moment, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart überlagern und Abwesenheit und Anwesenheit nebeneinander bestehen. Spuren sind stille Zeugen dafür, dass etwas oder jemand einmal da war, auch wenn diese Anwesenheit längst verschwunden ist.
Mich ziehen die Überreste an, die wir im Alltag übersehen: Dinge, denen wir kaum Beachtung schenken oder Wert beimessen. Es geht mir nicht darum, eine Geschichte vollständig zu erzählen. Mich interessiert der Moment, in dem eine Spur Fragen aufwirft und zu einer Zeichnung wird. So wird aus Abwesenheit kein leerer Raum, sondern eine stille, fast körperliche Präsenz, die man spüren kann.“


„Das Leben zwischen verschiedenen Orten hat meine Vorstellung von Zuhause verändert. Zuhause ist für mich nicht mehr an einen bestimmten Ort gebunden. Es kann durch Erinnerungen, Beziehungen, Materialien, Gerüche oder alltägliche Rituale entstehen. Es ist weniger ein Ort als ein Zustand.
Wenn man zwischen Orten lebt, gehört Abwesenheit zum Alltag: An einem Ort ist man da, am anderen fehlt man. Mit der Zeit habe ich gelernt, darin nicht nur einen Verlust zu sehen. Es ist auch ein Zustand, in dem verschiedene Orte und Erinnerungen miteinander verbunden bleiben. Vielleicht spricht mich Sand auch deshalb an: Ein Korn trägt die Geschichte seiner Herkunft in sich, während es schon an einen anderen Ort weiterwandert.“

„Bei meiner Arbeit Past Tense interessierte mich, wie sich das Leben in ein Material einschreibt. Hanji Jangpan, ein traditioneller koreanischer Bodenbelag aus Papier, ist dafür ein gutes Beispiel. Papier ist normalerweise etwas, auf das wir schreiben. In Korea aber schreibt sich der Alltag in das Material selbst ein.
Traditionell wurden koreanische Böden zum Schutz mit geöltem Papier bedeckt. Über die Jahre färbte die Wärme der Ondol-Fußbodenheizung die Oberfläche in unterschiedliche Brauntöne, während sonnenbeschienene Stellen ausblichen. Weil man in Korea traditionell auf dem Boden saß, hinterließ der Alltag dort besonders direkte Spuren: Brandflecken von Bügeleisen, Notizen auf dem Boden und ganze Landschaften an den Stellen, an denen Teezeremonien stattfanden. Indem ich Teile ausschneide und rahme, verändere ich ihre Bedeutung. Die grafischen Balken greifen dabei das Raster des Bodens auf. Was man vorher kaum wahrgenommen hat, wird plötzlich zu etwas, das man betrachtet – fast wie eine Zeichnung oder ein Gemälde.“


„In meiner Arbeit entsteht Farbe oft unmittelbar aus dem Material selbst. Mich interessieren die Farben, die ein Material von sich aus mitbringt. Bei Sand sieht man das besonders deutlich: Je nach Herkunft kann er ockerfarben, grüngrau, rot oder beige sein. Diese Farben verweisen auf die geologischen Prozesse, die ihn geformt haben.
Auch Reduktion spielt in meiner Arbeit eine wichtige Rolle. Wenn ich Farbe und visuelle Informationen reduziere, schaffe ich Raum für Interpretation. Texturen und Oberflächen lassen sich dadurch aufmerksamer wahrnehmen. Reduktion schärft unsere Wahrnehmung und lenkt den Blick auf das Wesentliche.“
„Mutter zu werden hat mein Zeitempfinden verändert. Wenn man ein Baby wachsen sieht und jeden Tag erlebt, wie es sich verändert, wird Zeit auf eine ganz andere Weise sichtbar. Auch im Alltag nehme ich Zeit anders wahr. Die Tage fühlen sich kürzer an, weil meine Zeit nicht mehr ganz mir allein gehört. Meine Tage richten sich nach dem natürlichen Rhythmus meines Babys. Früher konnte ich viel freier über meine Zeit verfügen.“

„Das ändert sich bei mir immer wieder. In letzter Zeit höre ich im Atelier viele Alben von Nala Sinephro, Shabaka und Duval Timothy. Neuerdings auch viel Lang Lee. Ihre Texte finde ich besonders stark: humorvoll, scharfsinnig und bemerkenswert präzise.“
„Wenn Geld keine Rolle spielen würde, hätte ich gerne eine Arbeit von Lee Ufan. Ich bewundere, wie er mit minimalen Gesten und einer reduzierten Materialsprache eine so starke Präsenz schafft. Seine Arbeit öffnet einen Raum für Stille, Wahrnehmung und Reflexion. Die Beziehung zwischen Material, Raum und Betrachtenden wird dabei selbst zum Werk. Es ist allerdings schwer, sich zu entscheiden. Es gibt so viel wunderbare und inspirierende Kunst.“

Jeewi Lee
„Reduktion schärft unsere Wahrnehmung und lenkt den Blick auf das Wesentliche.“


